Allgemein Nachdenken

Ego-Mutation Mensch – wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft

Sensationsgier, vermüllte Städte, Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr - es häufen sich Situationen in unserem Alltag, die von einem zunehmenden Egoismus in unserer Gesellschaft zeugen. Doch was steckt dahinter? Sind wir auf dem besten Wege uns zu bedingungslosen Egozentrikern auf der Suche nach Selbstverwirklichung zu entwickeln? Ein Balanceakt zwischen Egoismus und Altruismus.

Immer häufiger erlebe ich Momente, die in besonderem Maße durch egoistische Handlungen geprägt sind und mir jedes Mal aufs Neue negativ aufstoßen. Erst letztens fuhr ich mit meiner Kollegin in der überfüllten S-Bahn von der Arbeit nach Hause, als ein Herr höheren Alters die Bahn betrat. Offenkundig war er nicht sonderlich gut auf den Beinen, und dennoch machte keiner der Fahrgäste Anstalten, ihm einen Sitzplatz anzubieten. Vielmehr schien jeder in den Tiefen seines Smartphones versunken zu sein. Gefangen in einem Paralleluniversum, das den Zugang zur Außenwelt mit den darin befindlichen Mitmenschen verliert. Dabei waren der Moment, als wir ihm unseren Platz anboten und das kleine Lächeln der Freude, welches sich auf dem Gesicht des Mannes ausbreitete, ein wahres Geschenk und erfüllten uns beide mit Glück. In mir erwachsen daraus die Fragen: Entwickelt sich unsere Gesellschaft zu einem Zusammenschluss egozentrischer und auf den persönlichen Nutzen bedachter Einzelkämpfer? Welchen Wert haben Gemeinschaft und Solidarität noch bei uns, und welchen Platz nehmen Sie inzwischen ein? Sind wir wirklich so abgestumpft?

Selbstverwirklichung

Rückblickend stellten bereits große Philosophen wie Arthur Schopenhauer oder Friedrich Nietzsche die These auf, Menschen hätten von Grund auf eine egoistische Veranlagung und wären geborene Einzelgänger. Kulturelle und gesellschaftliche Zwänge allein würden sie zu einem Leben in Gemeinschaft zwingen. Wahrheit oder nur ein Mythos? Betrachtet man die seitdem vorliegende Forschung, so ist diese Annahme inzwischen widerlegt. Doch zahlreiche Alltagsbeispiele befeuern abseits empirischer Befunde stetig jene These. Wirft man einen Blick in die Bücherregale deutscher Buchhandlungen, mehren sich seit Jahren die Exemplare, die versuchen, Antworten auf die Frage nach dem persönlichen Glück zu liefern. Selbstverwirklichung ist die neue Gesellschaftsdisziplin. Jeder ist bestrebt noch besser zu werden, sich selbst zu optimieren, sich abzuheben. So betanken wir unser Ego täglich mit inspirierenden Gedanken der TED-Talk– und Gedankentanken-Prediger, folgen unseren Lieblings-Influencern auf Instagram und inszenieren uns in einer steten Selfie-Manie selbst, stets getrieben von dem Dogma „Sei besonders. Sei einzigartig. Lebe deinen Traum und setz dich durch“. Nur wer es versteht, sich abzugrenzen, die Ellbogen einzusetzen, hat gute Chancen auf Erfolg. Wer es gut anstellt, dem ist die soziale Anerkennung gewiss, wird das eigene Verhalten doch als besonders ehrgeizig und ambitioniert geehrt.

Organisationale Selbstbestimmung

Viel Kritik für eine eigentlich lobenswerte Einstellung? Gewiss, doch verlieren viele bei der eigenen Selbstverwirklichung den Blick für die Personen um sich herum. Ich las erst letztens einen interessanten Beitrag zum Thema Führung, indem das Zeitalter des organisationalen Kollektivs ausgerufen wurde, ein Lobgesang auf die Peer-to-Peer Bewegung, die jene Epoche starrer Hierarchien und egoistischer Unternehmenskulturen abzulösen vermag, in der eine oder wenige Personen und Führungskräfte Top-down die Richtung vorgaben. Nun sind wir angekommen in agilen, wir-orientierten Unternehmenskulturen, in denen jeder Mitarbeiter sinnstiftend eigene Ideen verwirklicht und sich selbst der beste Chef sein soll. Die Selbstverwirklichung also als Beitrag zum unternehmerischen und weitreichenden gesellschaftlichen Gemeinschaftsnutzen? Dieser Schlussfolgerung nach zu urteilen, müsste jeder nur stark genug an sich selbst arbeiten, die eigene Bestimmung finden, sodass am Ende die Gesellschaft als Summe aller Individuen davon profitieren kann. All jene, die am Rande dieser Gesellschaft stehen, haben sich folglich einfach nur nicht stark genug eingebracht, ihnen fehlte der Ehrgeiz und der hohe Anspruch an sich selbst. Ist es das, was wir heute also unter Gemeinschaftssinn verstehen?

Diffusion der Verantwortung

Wir befinden uns derzeit in einem neuen Stadium der Acht- und Respektlosigkeit. Lautstark telefonierende Personen in völlig überfüllten Zügen, rücksichtslosere Fahrweisen im Straßenverkehr oder Müll, der einfach aus dem fahrenden Auto geschmissen wird, getreu dem Motto „wird schon jemand wegräumen“. Die Initiative #gaffengehtgarnicht als Gemeinschaftsprojekt von BAYERN 3, ADAC, Deutscher Polizeigewerkschaft Bayern und dem Landesfeuerwehrverband Bayern gegen Sensationsgier auf deutschen Straßen prangert ein weiteres, gesellschaftliches Exzellenzbeispiel für egoismusverdorbene Anstandslosigkeit an. So häufen sich seit Jahren Berichte und Beispiele von Personen, die, anstatt an Unfallorten erste Hilfe zu leisten, lieber ihr Smartphone zücken, um das Leid eines anderen Menschen filmisch festzuhalten und damit die Klickzahlen des eigenen Youtube-Kanals in die Höhe zu ziehen. Ignorant wenden wir den Blick von solchen Situationen ab, stellen uns blind und taub, wenn im öffentlichen Raum jemand um Hilfe bittet und versuchen den Notstand anderer Menschen bloß nicht zu nah an uns heranzulassen, um das eigene Gewissen möglichst rein zu halten. Sozialpsychologen sprechen hier von der sogenannten Diffusion der Verantwortung, wonach man darauf setzt, dass eine andere Person schon helfen wird und man sich unter Abwägung von Kosten und Zeit damit aus der eigenen Verantwortung stiehlt.

Das neue WIR

Und doch: es gibt Lichtblicke. Die Sehnsucht nach Geborgenheit, Sicherheit und Gemeinschaft ist in unserem digitalen Zeitalter steigender Komplexität sehr groß und ist in gewisser Weise ein Urbedürfnis. So waren Gruppen seit jeher überlebenswichtig. Bereits als Jäger und Sammler waren Erfolgsaussichten bei der Jagd in der Gruppe höher und sicherten damit auch das Überleben des Einzelnen in der Gemeinschaft. Ist hiervon noch etwas geblieben? Wenngleich der Mensch in erster Linie auf sein eigenes Wohl bedacht ist, haucht unser digitales Zeitalter den altbekannten Communities derzeit neues Leben ein. So schaffen sich Menschen in dem sonst so anonymen Digitalisierungsapparat fernab von null und eins Räume verlässlicher und belastbarer Kontinuität, die es vermögen, Komplexität zu reduzieren und Gefühle der Zugehörigkeit zu festigen. Es entstehen Nachbarschaftsgemeinschaften, Mitfahrgelegenheiten und Carsharing, urbane und kollektiv genutzte Gärten, öffentliche Bücherschränke bis hin zu sogenannten Kuschel-Schollen; Wir-Strukturen, fernab von traditionellen Gemeinschaften wie Kirche, Familie und Gemeinde, die menschliche Nähe kultivieren sollen und damit die Sehnsucht nach Wärme, Verbundenheit und Interaktion bedienen. Sharing Economy liegt voll im Trend, bleibt jedoch bis dato zunächst vor allem ein urbanes Privileg. Oftmals prallt hier die Hoffnung auf mehr „Wir“ auf eine Realität, in der wir zwar Dinge teilen, aber die soziale Interaktion und das Gemeinschaftsgefühl in weiten Teilen ausbleiben.

Krisen als Chance für das WIR

Oftmals zeigen wir aber auch besonders in Krisenzeiten Gemeinschaftswillen. So helfen wir uns gegenseitig beim städtischen Hochwasser oder zeigen erhöhte Spendenbereitschaft, wenn Regionen durch Kriege oder Naturkatastrophen geplagt sind. Die aktuelle, globale Corona-Krise ist ein weiteres Beispiel für jenen, notstandsmotivierten Gemeinschaftssinn. Hier entsteht ein solidarisches Mitgefühl für Personen, die zu den Risikogruppen gehören oder, durch die Krise privat wie beruflich stark gefordert sind; Junge Menschen greifen Senioren tatkräftig unter die Arme und übernehmen für diese Einkäufe und wichtige Erledigungen oder Eltern und Nachbarn, die untereinander Notbetreuungen für ihre Kinder organisieren. Die Hamsterkäufe lassen wir an dieser Stelle mal raus. Ebenso altruistische Verhaltensweisen werden immer wieder deutlich bei Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und sich für Andere einsetzen. Unter Einsatz von Zeit und eigenen Ressourcen scheinen jene Personen völlig selbstlos zu handeln. Ein Hoffnungsschimmer, der den zuvor beschriebenen egozentrischen Tendenzen entgegenwirkt. Und doch spielen auch hier egoistische Motive eine zentrale Rolle. So sind einem Ansehen und der Respekt anderer gewiss – und genießen wir nicht jene Anerkennung oftmals auch besonders? Fakt ist:

Am Ende gilt es eine gesunde Balance zu finden. Keiner möchte als Egoist abgestempelt werden, geraten diese Personen doch gerne auch schnell ins Abseits. Und doch ist ein gesunder Egoismus enorm wichtig, um auch den eigenen Bedürfnissen gerecht und nicht von anderen ausgenommen zu werden. Das „Wir“ dient auch immer in gewissem Maße einer selbstbezogenen „Ich-Optimierung“ und ist nicht immer zwangsläufig die erstrebenswert, bessere Struktur. Letztlich befinden wir uns in einer spannenden Zeit, in der beide Bewegungen aufeinanderprallen. Jene der Solidarität, getrieben von dem starken Wunsch nach Gemeinschaft und jener der neoliberal verankerten Einzelkämpfer, die auf Einzelleistungen, Erfolge und Statussymbole bedacht zu handeln scheinen. Es wäre zu schwarz-weiß gedacht, würde man versuchen, menschliche Handlungen allein damit zu erklären, ob sie einzig durch den persönlichen Eigennutz oder die Sorge um andere getrieben sind. Der Neuroökonom Paul Zak fasst es am Ende ganz treffend zusammen: „Mitgefühl ist weder altruistisch noch eigennützig. In Wirklichkeit zeigt diese Regung, wie sehr wir gelegentlich die Bedeutung des Individuums überschätzen.“

"Stillstand bedeutet Rückschritt". Getreu dieses Mottos hinterfrage ich nicht nur mich und meine Handlungen täglich, sondern möchte auch andere Menschen durch inspirierende Gedanken zum Umdenken und zur steten Selbstreflexion bewegen. In meiner täglichen Arbeit befasse ich mich u.a. intensiv mit dem Thema Diversity und erlebe oftmals, wie Biases unsere Sichtweise und Urteile beeinflussen. Jene gesellschaftliche Vielfalt, die uns im Privaten wie Beruflichen begegnet, gilt es wertzuschätzen und zu nutzen, kann sie uns allen doch im steten Austausch miteinander jeden Tag ein wenig die Augen öffnen. https://www.linkedin.com/in/sebastian-lorenz-76b090150/?trk=pub-pbmap&originalSubdomain=de

1 Kommentar zu “Ego-Mutation Mensch – wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft

  1. Wenn jemand tüchtig dabei ist, Gruben zu graben, bekommt er in der Regel keine Unterstützung, sondern eine größere Schaufel. Ein gesunder Egoismus ist also auch immer ein nötiger Selbstschutz, solange man in einer Blase mit lauter Egoisten unterwegs ist. Und diese Blasen sind heutzutage sehr groß.

    Auf der anderen Seite sehen wir in vielen Zusammenhängen immer noch Wellen der Solidarität beispielsweise auf Twitter (plus die obligatorischen RfHs dazu). Am Land ist gelebtes Miteinander noch heute selbstverständlich. Es kommt also wie immer im Leben darauf an.

    Lassen Sie wir uns überraschen, ob in Bezug auf die Entwicklung der Gesellschaft die Optimisten oder Pessimisten recht haben werden.

    Beste Grüße
    Patrick Jobst

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