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Mein Weg zurück – eine persönliche Geschichte

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Vorwort

Dies ist nicht mein Beitrag. Das geschriebene Wort schon, aber nicht die Geschichte dahinter. Diesmal ist es anders. Es wird persönlich. Er soll anderen Menschen Mut machen, einen Anker bieten und ein Signal geben: „Hey, du bist nicht alleine!“.

Auch soll er für Unternehmen ein positives Beispiel sein und zeigen, was es heißt, für die Mitarbeitenden wirklich da zu sein.

Es ist die persönliche Geschichte von Viktoria Hufnagel.

Rückblick

Es ist 2019, Viktoria arbeitet für ein Beratungsunternehmen in München. Ihre Tage sind voll: Arbeit (>10 Stunden pro Tag), ein berufsbegleitendes Masterstudium, Sport (bspw. Yoga) und der normale Alltag (Einkaufen, Essen, etc.). Die Arbeit ist ihr Lebensmittelpunkt. Sie ist damit glücklich, geht darin auf und will ihre persönliche Karriere voran bringen. Die Zeit ist primär auf die Arbeit ausgerichtet, alles andere ist ihr nicht so wichtig. Ihr Job ist ihr Leben.

Im Januar 2021 verändert sich dann plötzlich von heute auf morgen ihr Leben: Viktoria erhält die Diagnose Krebs.

Aufwachen

Natürlich war das ein Schock. Es war völlig unerwartet, die Diagnose kam aus dem Nichts und hat Viktoria aus ihren Alltag gerissen.

Sie erzählte mir in unserem Interview, dass sie nachts oft aufgewacht ist und dachte, dass alles nur ein schlechter Traum war. Bis sie dann von der Realität eingeholt wurde und ihr bewusst wurde: es ist kein Traum.

Der bisher gewohnte Alltag war nun so nicht mehr existent. Viktoria war nun plötzlich anders. Sie war viel bei Ärzten, in Krankenhäusern und in Untersuchungen. Immer wieder dieses Warten auf die nächsten Ergebnisse.

Und Viktoria war mit sich alleine. Immer wenn sie im Krankenhaus lag und auf die Ergebnisse wartete, war der Kopf natürlich an und das Gedankenkarussell lief immer auf Hochtouren.

Gedankenkarussell

Denn während ihrer Ärzte-Marathons gab es auch noch ihren bisherigen Lebensinhalt: ihren Job. Sie kommunizierte es ihrem Arbeitgeber, hakte die Agendapunkte wie eine Maschine ab und war voller Unsicherheit: wie wird die Reaktion sein?

Aber es kam anders, sie bekam großartige Unterstützung. Kein negatives Feedback, welches sie erwartete, denn die Diagnose fühlte sich auch wie eine Schwäche, wie Scheitern an. Davon war aber seitens der Kolleg:innen keine Rede. Natürlich waren alle baff, unterstützten aber sofort mit tollem Support. Der Fokus „Arbeit“ war sehr schnell weg. Alle Termine und alles was war (Pseudoprobleme in der Arbeit) waren weg. Viktoria sagte dazu „Nur noch Fokus auf mich!“.

Aber die Gedanken rasten und überschlugen sich: „Wenn das jetzt alles gewesen ist, was in meinem Leben passiert ist, dann ist das traurig“ haben sich abgelöst mit „Lieber Gott, wenn ich gute Ergebnisse bekomme, dann ändere ich mich und mache nur noch Sachen, auf die ich Lust habe!“ oder „Ich werde nein sagen und mein Leben leben!“.

Sie stellte ihr komplettes Leben in Frage, stellte fest, dass sie zu viel gearbeitet und zu wenig gereist ist. Viktoria sagt selber über sich, wie verbissen sie in ihrem Job und angespannt sie war. Die Leichtigkeit war ihr abhanden gekommen. Leider wurde ihr das eben erst jetzt bewusst – ausgelöst durch einen Schock und mit einer Diagnose, die sie zum Nach- und Umdenken motivierte.

Sie nutzte die Zeit der Behandlung, um wieder gesund zu werden. Der Kontakt zum Unternehmen bestand weiterhin. Sie gab Feedback zu ihrem Genesungszustand. Das Unternehmen unterstützte sie komplett, half mit Lohnfortzahlungen (Aufstockung) und signalisierte immer und eindeutig „nimm dir so viel Zeit wie du brauchst!“. Es gab nie Druck und keine Erwartungshaltung. Es war wertschätzend und menschlich.

Wiedereingliederung

Sieben Monate war sie aus ihrem Job raus. Keine Meetings, keine Projekte, keine Kolleg:innen und kein Arbeitsalltag. Das ist eine lange Zeit, gerade dann, wenn die Arbeit vorher der Lebensmittelpunkt war.

Viktoria war aber auch bewusst, dass sie so wie zuvor nicht weiter machen wollte. Keine überlangen Arbeitstage mehr, sondern ein bewusster Umgang mit ihrem Job. Denn in den letzten sieben Monaten hatte sie nur Dinge getan, die ihr gut taten. Gute Ernährung, Sport, mentale Konzentration auf sich selbst und viel Selbstreflektion. Das wollte sie nun mit ihrem Job vereinen.

Als der erste Arbeitstag immer näher rückte, kamen aber auch Zweifel: wie werde ich wahrgenommen? Schaffe ich die Eingliederung? Welche Erwartungshaltung wird es an mich geben? Schaffe ich es, dass ich weniger arbeite?

Im Job zurück

Diese Fragen begleiteten Viktoria in den ersten von insgesamt sechs Wochen Wiedereingliederung. Sie waren zum Glück unbegründet und Viktoria wurde meist gut vom Unternehmen und den Kolleg:innen unterstützt.

Hier ein Hinweis an Unternehmen, Führungskräfte und Kolleg:innen: die Menschen kommen mit Zweifeln zurück. Sie wurden aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen. Sie brauchen nun Unterstützung und Zeit. Sie brauchen eine menschliche und verständnisvolle Umgebung. Helft und unterstützt!

Aber es gab auch Rückschlage.

Rückschläge

Nach zwei Wochen merkte Viktoria, dass es schwer war, wieder auf ihr voriges Pensum zu kommen. Sie arbeitet in einem Beratungsunternehmen. Gerade da ist es sehr schnelllebig und es verändert sich viel. Viktoria rief ihre Mutter an und meinte nur „Ich schaffe nie wieder das, was ich früher geschafft habe“.

Viktoria setzte sich hier selber unter Druck und wollte wieder in ihr „Leben davor“ zurück. Zumindest nur kurz. Denn durch Selbstreflektion, aber eben auch die Eingliederungszeit vom Unternehmen erkannte sie, dass es so nicht funktionieren wird. Sie konnte sich damit vermehrt auf das „Zurückkommen“ und „neue Wege finden“ konzentrieren. Ein wichtiger Schritt und Erkenntnis für sie.

Auch Kolleg:innen wussten ab und an nicht, wie sie auf Viktoria reagieren und wie sie mit ihr umgehen sollten. Direkt ansprechen? Umschiffen? Verschweigen?

Hinweis: natürlich ist das für alle eine schwierige Zeit und ungewohnte Umgebung. Umso wichtiger ist es, dass Mitarbeitende in Unternehmen sensibilisiert werden. Und das nicht erst im Umgang mit Menschen in der Wiedereingliederung, sondern auch bereits in präventiven Maßnahmen. Wird eine Burnout-Gefahr erkannt? Wie spreche ich das an? Wie gehe ich mit dem Menschen um? Was hat dieser Mensch bisher durchgemacht? Einfühlungsvermögen und ein menschliches Miteinander sind hier das A und O!

Es gab aber auch einen herben Rückschlag: ein Projektkollege hatte Viktoria in einer Pause gesagt, dass ich Sie vor ihrer Krankheit erfolgreicher und sichtbarer war und jetzt eher „out of the scope“ ist und sich aufs Abstellgleis begibt.

Das saß. Viktorias Ängste kamen zurück und sie fühlte sich in ihrer damaligen Annahme bestätigt. Viele Tränen, Selbstzweifel und Ängste waren wieder da. Aber auch Wut und eine „Na warte, dem werde ich es zeigen!“ Attitüde.

Es war nur ein Mensch, der das alles ausgelöst hat. Es hatte Viktoria sehr getroffen, dass dieser eine Mensch es ausgesprochen, es ihr ins Gesicht gesagt hatte und ihr auch das dazugehörige Gefühl gab.

Aber ein paralleles Coaching half Viktoria in dieser schwierigen Zeit. Ohne dieses wäre es vielleicht anders gelaufen. Dabei erkannte Viktoria auch, dass sie falsch reagiert hatte: sie sah sich als Opfer. Das ist sie aber nicht. Viktoria ist eine Siegerin. Sie hat ihren Krebs besiegt, hat sich wieder zurück ins Leben, ihren Job und in die Welt begeben. Sie hat das physisch geschafft. Aber es war eben nicht nur eine körperliche Krankheit. Denn jede Krankheit birgt auch die Gefahr von psychischen und mentalen Verletzungen. Das eine kann erkannt werden, das andere meist nicht.

Viktoria hatte dies erkannt, akzeptiert und sich auch hier ebensolche Unterstützung geholt. Zudem hatte sie in dieser Situation auch zwei Kolleginnen, die sie sehr gut abholten und ihr ein gutes Gefühl gaben. Diese Kombination war erfolgreich.

Ende der Wiedereingliederung

Es wurde November und Viktoria machte sich zum Ende der Wiedereingliederung selbst Druck. Ein gefährlicher Spagat, wie sie aber auch selbst erkannte. Sie machte das jedoch nicht für den Job. Sie wollte Urlaub nehmen und verreisen. Sie wollte etwas nachholen, was ihr fehlte. Und sie wollte abschließen, einen Schlussstrich unter ihre Krankheit setzen. Denn sie wusste, dass für sie danach wieder das „normale Leben“ beginnt. Denn ab Januar wollte sie wieder ganz normal arbeiten.

Als Info: Urlaub nach einer Wiedereingliederung ist gesetzlich nur dann möglich, wenn die Person vorher voll arbeitet.

Die neue Normalität

Der Urlaub ist vorbei, es ist Januar und Viktoria fängt in ihrer neuen Normalität an. Sie arbeitet im Januar und Februar Vollzeit, fünf Tage die Woche, macht sich auch selbst wieder ein wenig Druck. Sie kommt in ihrem Job an, erlebt Routinen und ist wieder im Alltag.

Sie merkt aber, wie schnell Vorsätze im Alltagstrott verloren gehen können. Sie hat innere Kämpfe und muss sich immer wieder selbst reflektieren. Sie holt es sich immer wieder in Erinnerung, dass sie dankbar sich und ihrem Leben gegenüber ist. Das hilft ihr.

Sie hat es selbst erkannt und kann wieder zurückrudern. Ein wichtiger Schritt für Viktoria.

Heute ist Viktoria in ihrem neuen Normal angekommen. Sie hat wieder Projekte, macht Über- aber auch Unterstunden. Sie achtet auf eine Ausgeglichenheit in ihrem Job. Viel mehr achtet sie aber inzwischen auf sich. Achtet auf ihr Umfeld, ihre Freunde und Familie und darauf, dass sie sich und ihre Interessen ernst nimmt und der Wichtigkeit ihrer Selbst Zeit einräumt.

Im Job sagt Viktoria über sich selbst: „Heute reflektiere ich vieles anders. Ich sage nun auch, wenn etwas nicht zu mir oder meiner Arbeit passt. Das habe ich mich früher öfter nicht getraut und mich kleiner gemacht, als ich eigentlich war!“

Viktoria hat sich verändert. Sie ist gewachsen, reflektierter geworden und steht zu ihren Aussagen. Das neue Normal und die „alte neue“ Viktoria.

Viktorias Key Learnings

Zum Ende unseres Gesprächs hat mir Viktoria ihre wichtigsten Punkte und Key Learnings verraten:

  • Hör auf dich und dein Bauchgefühl
  • Tue nur Dinge, die dir gut tun
  • Verhalte dich Menschen gegenüber wie du selbst behandelt werden willst
  • Respektiere mehr dein Gegenüber
  • Sei mit anderen nicht zu streng und sei einfühlsamer
  • Wir haben nur ein LEBEN
  • Ich habe die pure Leichtigkeit verloren. Aber ich habe ein Leben! Ich kann alles schaffen und bin der Player in meinem LEBEN
  • Geh raus in die Welt und probiere es aus
  • Warte auf nichts und niemanden
  • Lass dich nicht ausbremsen von Strukturen (Familie, Freunde, System oder Job)

Hinweis: dies sind Viktorias Punkte. Liebe Leser:innen, macht euch eure eigene Liste. Reflektiert euch, nutzt die Zeit zum Ende des Jahres (das ist der Erscheinungszeitpunkt dieses Beitrags) und hört auf euch selbst!

Mut und Gesicht

Viktorias will ihre Geschichte erzählen. Sie will damit Mut machen, ein Gesicht geben und Menschen in ähnlichen Situationen laut zurufen „ihr seid nicht alleine!“.

„Ich habe diesen großen PENG gebraucht; so kann es nicht mehr weitergehen!“

Viktoria

Denn vielen Menschen geht es so. Meist im verborgenen, mit sich alleine ausmachend. Denn oft werden Krankheiten noch als ein Scheitern angesehen. Wir schleppen uns mit jeglichen Krankheiten ins Büro: angefangen bei Erkältungen, über Burnout und Despression bis hin zu schweren (unentdeckten) Krankheiten wie Krebs. Und gerade Krebs betrifft viele Menschen (Studien gehen davon aus, dass jede:r 2. – 3. Mensch irgendwann im Leben an Krebs erkranken wird).

Krank in die Arbeit gehen, noch schnell eine E-Mail aus dem Krankenbett – das alles sind falsche Signale! Krankheit gehört zu einem Leben dazu! Und wir alle können unseren Beitrag dazu leisten. Dazu gehört, sich zuallererst um sich selbst zu kümmern. Aber auch auf die Mitmenschen achten ist wichtig. Auch hier haben wir Verantwortung.

Viktoria sagt über sich selbst „Ich habe diesen großen PENG gebraucht; so kann es nicht mehr weitergehen!“

Nehmt dieses „PENG“ von Viktoria und verwendet es als gedanklichen Anker: wie geht es mir? Wie geht es Menschen in meinem Umfeld? Braucht jemand Hilfe?

Über Viktoria

Viktoria

„Die Motivation weshalb ich meine Geschichte teile ist die, dass es mir wichtig ist mehr Transparenz und Offenheit für das Thema Krebs im Unternehmen und der Gesellschaft zu schaffen. Wir alle haben unsere Geschichten und ich würde mir wünschen, wenn wir es als Gesellschaft schaffen, offener über solche Themen zu sprechen und somit unsere Erfahrungen zu teilen.“

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