Ich weiß gar nicht, ob ich mich dazu noch äußern sollte.
Aber doch, ich will mich äußern. Denn so, wie wir diese Debatte gerade führen, kommen wir keinen Schritt weiter.
Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion hat es geschafft, dass wir über Teilzeit sprechen, genauer gesagt über „Lifestyle-Teilzeit“. Der Begriff ist nicht nur unglücklich gewählt, er ist problematisch. Denn er suggeriert ein Problem, das sich so in den Zahlen nicht wiederfindet. Er unterstellt, dass zu wenig gearbeitet werde und dass längere Arbeitszeiten automatisch zu besseren Ergebnissen führten.
Genau diese Verkürzung prägt aktuell die Diskussion. Und sie wirkt. Wer möchte heute noch offen über Teilzeit, flexible Arbeitsmodelle oder eine Vier-Tage-Woche sprechen, wenn diese Begriffe politisch und gesellschaftlich negativ aufgeladen werden? So entsteht kein Dialog, sondern Verunsicherung – auf beiden Seiten.
Ein Blick auf die Daten zeigt ein deutlich differenzierteres Bild.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Arbeitsproduktivität je geleisteter Stunde in Deutschland langfristig gestiegen. Zwischen 2011 und 2023 nahm sie insgesamt um 9,1 % zu. Selbst die Jahre der Corona-Pandemie haben diesen Trend nicht grundsätzlich gebrochen. Das widerspricht der Erzählung, Beschäftigte würden über die Jahre hinweg weniger leisten oder sich zunehmend entziehen.
Gleichzeitig zeigen die jüngsten Zahlen sehr klar, wo der eigentliche Knackpunkt liegt. Im Jahr 2023 ist das Arbeitsvolumen gestiegen, während das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt zurückging. In der Folge sank die Produktivität je Erwerbstätigenstunde um 0,6 %. Mehr Arbeitszeit hat in diesem Fall also nicht zu mehr Wertschöpfung geführt.
Das ist kein Ausreißer, sondern ein wichtiges Signal. Es zeigt, dass zusätzliche Arbeitsstunden nicht automatisch zusätzliche Wirkung erzeugen. Genau hier setzt auch die Forschung an. Studien der Hans-Böckler-Stiftung weisen darauf hin, dass kürzere Arbeitszeiten unter bestimmten Bedingungen produktivitätssteigernd wirken können – etwa durch bessere Erholung, höheren Fokus und klarere Prioritäten. Entscheidend ist nicht die Menge der Zeit, sondern wie sinnvoll sie eingesetzt wird.
Auch die Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft zur Vier-Tage-Woche kommt zu einem zentralen Ergebnis: Produktivität ist weniger eine Frage der Arbeitszeitlänge als der Arbeitsorganisation. Aufgabenverteilung, Zielklarheit, Prozesse und Abstimmung entscheiden darüber, ob geleistete Zeit tatsächlich Wert schafft.
Vor diesem Hintergrund greift die aktuelle Diskussion zu kurz. Es geht nicht um ein Entweder-oder zwischen Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden. Es geht auch nicht um Bequemlichkeit oder fehlenden Einsatz. Wir haben kein Zeitproblem. Wir haben ein Wirkungsproblem.
Menschen arbeiten viel, engagiert und über Jahre hinweg leistungsfähig. Was häufig fehlt, ist die strukturelle Klarheit darüber, welche Tätigkeiten wirklich zur Zielerreichung beitragen – und welche Energie binden, ohne Wirkung zu entfalten. Genau hier liegt enormes Potenzial, das aktuell jeden Tag verloren geht.
Wenn wir über Produktivität sprechen wollen, dann sollten wir dort ansetzen: bei Wirksamkeit, bei sinnvoller Arbeitsorganisation und bei Arbeitsbedingungen, die Leistung ermöglichen statt blockieren. Eine negative Kommunikation über Teilzeit, flexible Modelle oder neue Arbeitszeitkonzepte hilft dabei niemandem. Sie verhindert Offenheit, Lernen und Weiterentwicklung.
Produktiver werden wir nicht, indem wir Arbeitszeit verlängern. Produktiver werden wir, wenn wir Arbeit besser gestalten – für Unternehmen und für Mitarbeitende gleichermaßen. Das ist anspruchsvoller als reflexhaft mehr zu fordern. Aber nur dort entsteht nachhaltige Wertschöpfung.
Alles andere ist die Hoffnung, dass Zeit ein strukturelles Problem lösen könnte.


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