Vor kurzem habe ich mit einer Personalleiterin lange über Arbeitszeiten, Erfassung dieser und über Überstunden gesprochen. Wir haben darüber diskutiert, ob eine Zeiterfassung benötigt wird, inwiefern gesetzliche Vorgaben sinnvoll sind und ob es auch andere Wege geben kann. Alles im Hinblick auf die mitarbeitenden Menschen und so ein wenig auch zum „Fachkräftemangel“. Darum wird es in diesem Beitrag gehen.

Was ist Zeit

Wenn wir die oft zitierte Online-Enzyklopädie Wikipedia befragen, erhalten wir folgende Antwort: „Die Zeit ist eine physikalische Größe.“

Weg von dieser alten Definition und hin zu der umgangssprachlichen Definition von „Zeit“ stellen wir fest, dass diese oft einfach viel zu knapp bemessen ist (prinzipiell wäre mit dieser Aussage der Rest des Beitrags fast schon obsolet – Zeit ist einfach knapp bemessen!). Es ist zu wenig Zeit vorhanden und oft wird auch Zeit gleichgesetzt mit Geld (Zeit ist Geld). Wie oft hören wir solche Aussagen zur Knappheit von Zeit von anderen Menschen?

Ein Rückblick in der Zeit

Wenn wir in die Vergangenheit schauen, dann haben sich Menschen schon immer nach Zeiten gerichtet. Dabei war aber nicht die Uhrzeit ausschlaggebend, sondern Jahres-, Tages und Gezeiten. Man hat sich „in der größten Mittagshitze“ verabredet, Kühe wurden nach „Lautstärke“ gemolken und das Feld nach Jahreszeit bestellt. Früher reichte diese grobe Zeiteinteilung aus, da die meisten Menschen (4. und 5. Jahrhundert) fast ausschließlich auf dem Land und von der Landwirtschaft lebten.

Menschen lebten nach größeren Einheiten. Im christlich geprägten Europa verkündete der Pfarrer immer am Sonntag die wichtigsten Termine der kommenden Woche, natürlich die religiös bedeutetenden. Beispielsweise wurde der 11. November erwähnt: einerseits der Tag des heiligen Martin, andererseits aber auch endete in vielen Regionen das landwirtschaftliche Wirtschaftsjahr – und hier wurden Pachten, Zinsen und Steuern fällig. Man lebte sonst vor sich hin und verrichtete die zu erledigenden Dinge.

Etwa ab dem 14. Jahrhundert wurden Zeiten immer relevanter, bzw. wurde die Granularität immer weiter erhöht. Die Arbeitstage wurden durch die Kirchturmglocken ein-, bzw. ausgeläutet. Dies war sogenannten Moraltheologen zu verdanken, die sich mit der Sünde der Zeitverschwendung auseinandersetzten.

In etwa wurden auch in dieser Epoche die Uhren kleiner und genauer – zu exakten Daten streitet sich die Wissenschaft bis heute.

Somit wurde der Mensch unabhängiger von Tag/Nacht und der Natur im Allgemeinen.

Und dann kam die industrielle Revolution

In der industriellen Revolution wurde die (Arbeits-) Zeit grundlegend in den Mittelpunkt gestellt. Arbeit wurde in der Stadt, zentral in großen Fabriken und später auch am Fließband erledigt. Dies musste zeitlich erfasst werden, denn wenn kein Arbeiter am Fließband steht, kann der nächste Schritt nicht erfolgen und die Produktion bricht zusammen. Selbiges gilt auch für die Bedienung von Maschinen: ohne Arbeiter, keine Produkte und damit ein finanzieller Schaden.

Eine Zeiterfassung gab es damals nicht, denn man hatte ja seine Schicht.

Entstehung des Arbeitszeitmanagements

Interessant ist der Wandel von der ursprünglichen Arbeit, orientiert an der Natur (Landwirtschaft) und dem Umgang damit: man konnte nicht auf Erfahrungswerte aus der Vergangenheit zurückgreifen, wie man so eine Veränderung einführen konnte (heute würden wir dazu ein „Change-Projekt“ aufsetzen). Die Fabrikenbesitzer mussten kreativ werden.

Am ehesten wurden Militär und Kirche als straff organisierte Einheiten betrachtet. Das Hauptproblem zur damaligen Zeit war neben der Rekrutierung und Ausbildung von neuen Arbeitskräften die „Kontrolle der widerspenstigen Massen“. Denn man musste die Menschen ja an die Monotonie der Fabrik und den neuen, vorgegeben Zeitrythmus durch die Maschinen gewöhnen. Aufseher, Vorarbeiter und Fabrikleiter nutzten dann meist ein positives/negatives Anreizsystem, oft auch unter „Zuckerbrot und Peitsche“ (leistungsabhängige Entlohnung, Prämien auf der einen und körperliche Züchtigung bis zur Geldstrafe auf der anderen Seite) bekannt.

Die Welt hat sich zu dieser Zeit grundlegend verändert: Menschen (notwendige Arbeiter) arbeiteten für ihren Lebensunterhalt, erhielten dafür Geld (oftmals Hungerslöhne) und Unternehmenseigentümer (Betriebseigentümern bzw. Kapitalisten) verdienten an den erstellten Leistungen.

Genug mit der Vergangenheit – wie steht es um das heute und das Gespräch mit der Personalleiterin?

Der Wahnsinn der Moderne: die 40-Stunden Woche

Heutzutage steht in so ziemlich jedem Arbeitsvertrag eine zu erbringende Arbeitszeit (max. 40 Stunden), eine Regelung zu Überstunden (mit dem Entgelt abgegolten) und einem Gehalt. Es handelt sich dabei also um nichts anderes als um Zeit gegen Geld. Zumindest, was die sogenannten Wissensarbeiter angeht. Was in der Vergangenheit funktioniert hat (vgl. mit Zuckerbrot und Peitsche), kann das heute und vor allem morgen auch noch funktionieren?

Genau das war auch die Frage der Personalleiterin: wie gehe ich mit den Zeiten der Menschen um? Wo wird gearbeitet? Wie kommen wir an neue Mitarbeiter in der heutigen Zeit? Wie wird man ein attraktiver Arbeitgeber mit einer orts- und zeitunabhängigen Arbeitsweise?

Und was passiert mit Überstunden? Zeiterfassung? Was, wenn Mitarbeiter weniger Zeit arbeiten? Und was passiert mit den vereinbarten Zielen (die in den meisten Arbeitsverhältnissen noch on top kommen)?

So viele Fragen, Unsicherheiten und Unklarheiten, über die wir vertiefend gesprochen haben – und so viele Möglichkeiten, die das Hier und Jetzt und die Zukunft mitzugestalten ermöglichen.

Denn genau das haben wir nun in der Hand: Veränderung und Mitgestaltung

Gestaltung einer neuen Zeitrechnung

Es gibt schon heute viele Möglichkeiten, um die Arbeitszeitgestaltung anders zu regeln. Dabei gilt es aber immer den rechtlichen Rahmen zu berücksichtigen. Leider sind Urteile, die entgegen einer freien Einteilung von Zeiten wirken, in der heutigen Zeit nicht hilfreich. Hier sei das Urteil (Az: C-55/18) vom Europäischen Gerichtshof aus dem Jahr 2019 zu erwähnen. Prinzipiell geht es darum, dass die vollständige tägliche Arbeitszeit erfasst werden muss. Es geht um Arbeitnehmerschutz und um Transparenz.

Und es handelt sich leider um ein Urteil, welches sich immer noch an Zeiten der industriellen Revolution und deren damaligen Herausforderungen orientiert. Denn es könnte auch gut anders funktionieren. Dazu müssen aber wichtige Voraussetzungen geschaffen werden, die eine wirkliche freie Gestaltung erst ermöglichen. Für ein Zeitalter der Digitalsteuerung muss aber etwas passieren.

  • Begegnung auf Augenhöhe
    • Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind auf Augenhöhe und verhalten sich auch so. Heißt, dass Mitgestaltung und ein respektvoller Umgang miteinander vereint werden
  • Wertschätzung der Leistung und der gemeinsamen Arbeit
    • Die Menschen (Arbeitgeber und -nehmer) respektieren sich, schätzen die Leistung und die gemeinsam verbrachte (Arbeits-) Zeit mit den Menschen
  • Sinn erkennen und erleben
    • Wir leben ein Leben – und das mit vielen anderen Menschen gemeinsam. Heutzutage wollen junge Generationen vor ihrem Arbeitsleben einen Sinn in ihrer Arbeit haben – interessanterweise blicken Menschen, die gerade in Rente gegangen sind auf ihr Arbeitsleben zurück und suchen nach dem erbrachten Sinn.
  • Vertrauen
    • Die Menschen in einem Unternehmen vertrauen sich gegenseitig
  • Für den Notfall Schlichtungsstellen (bspw. Arbeitnehmervertretungen)
    • Menschen müssen sich auch vor Selbstausbeutung und ggf. vor etwaigen Problemen bei zuviel Arbeitszeit schützen; hier könnte eine neue Rolle für Arbeitnehmervertretungen entstehen
  • Veränderungen der Gesetzesgrundlage
    • Arbeitszeit, verpflichtende Erfassung von Zeiten, Ruhezeiten, etc. –> dies ist heutzutage nicht mehr zeitgemäß; aber hier muss die Politik einen wichtigen und mutigen Schritt gehen
    • Fest definierte Vorgaben von maximaler Arbeits- und Ruhezeit ist heute schon nicht mehr erfolgreich umsetzbar: ein Mensch, der in der früh eine E-Mail versendet, zwischenzeitlich vielleicht nichts macht (und bspw. schläft), am späten Abend wieder etwas arbeitet, darf dies nicht so einfach, denn die gesetzlichen Ruhezeiten können nicht eingehalten werden.
  • Kulturelles Miteinander
    • „Wer am längsten arbeitet, der leistet am meisten“ – ist immer noch ein weit verbreiteter Irrglaube. Dies ist bewiesener Unfug (ein Mensch kann nicht mehr als ca. 6 Stunden am Tag konzentriert arbeiten).
    • Und der wichtigste Punkt, der uns zur industriellen Revolution unterscheidet findet immer mehr Beachtung: sei es „Purpose“ oder einfach nur der „Sinn“ in der Arbeit: wer etwas „sinnvolles“ macht (subjektive und kulturelle Wahrnehmung verschwimmen hier), macht dies auch gerne. Die Arbeit wird also wieder ein Teil des Lebens (und diese Wortzusammenstellung „Work-Life-Balance“ gehört der Vergangenheit an)

Was tun?

Wenn man sich mit den Voraussetzungen auseinander setzt, dann gibt es noch ordentlich viel zu tun.

Persönlich finde ich das eine tolle Möglichkeit: wir können eine (Arbeits-) Gesellschaft mit erschaffen, in der wir gerne leben und arbeiten. Wir haben so viele Möglichkeiten in der Hand. Und viele Ängste, die Menschen vor der ungewissen Zukunft haben, können mit einer veränderten kulturellen Arbeitsgesellschaft ebenfalls mit einer positiven Grundstimmung angegangen werden.

Nach dieser Diskussion hat mich die Personalleiterin angeschaut und gefragt: „wo fangen wir da nur an? Da ist so viel zu tun!“ – stimmt. Es kann keine einzelne Person. Gemeinsam ist hier das Zauberwort. Im eigenen Unternehmen kann man durchaus anfangen und schauen, wer von den mitarbeitenden Menschen ist glücklich und zufrieden mit seiner Arbeit und wer nicht. Diejenigen, die es nicht sind, werden nicht gekündigt. Sondern es wird gemeinsam geschaut, wie man etwas verändern kann.

Einstellungsprozesse werden über Bord geworfen und neu interpretiert. Menschen suchen, die nicht die Bestnoten haben, aber die idealen (und wirklichen) Voraussetzungen für die zu leistenden Aufgaben haben (dies ist im Übrigen einer der größten Probleme und Mitverursacher des „Fachkräftemangels“).

Alleine das sind schon zwei Möglichkeiten, um der Zukunft mutig und positiv entgegen zu blicken. Ein zukünftiges menschliches miteinander mit Wertschätzung, Respekt und gemeinsamen Zielen – das klingt doch nach Schritten, die es wert sind zu gehen, oder?

6 Kommentare zu “Zeit muss Geld sein

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